Das Reflektierende Team in Change Prozessen - Methode, Ablauf und Praxis
Organisationen stehen heute unter permanentem Veränderungsdruck. Strategien werden neu ausgerichtet, Strukturen angepasst, Teams neu formiert. Und doch geraten Change-Projekte häufig ins Stocken: Meetings drehen sich im Kreis, unterschiedliche Perspektiven verhärten sich, wirkliche Bewegung bleibt aus.
In solchen Situationen lautet die entscheidende Frage oft nicht: „Was müssen wir tun?“ sondern: „Was hält uns eigentlich davon ab, voranzukommen?“
Genau hier setzt das Reflektierende Team an – eine systemische Methode, die wir seit über 10 Jahren in der Organisationsberatung einsetzen. Sie schafft einen strukturierten Reflexionsraum, in dem Beteiligte ihre Situation aus neuen Blickwinkeln betrachten können. Statt fertige Lösungen von außen zu erhalten, entwickelt die Organisation selbst tragfähige nächste Schritte.
Dieser Fachartikel zeigt praxisnah,
- wie das Reflektierende Team konkret funktioniert,
- in welchen Change-Situationen es besonders wirksam ist,
- worauf es bei der Anwendung ankommt und
- wie Sie die Methode in Ihrer eigenen Praxis nutzen können.
Geschrieben von Dr. Gundula Ganter, Geschäftsführerin der ABIS Akademie und erfahrene Begleiterin von Transformationsprozessen (ABIS Consulting) – aus der Perspektive langjähriger Beratungspraxis.
Inhaltsverzeichnis
- Was ist das Reflecting Team? - Ziele und Grundidee
- Der Ablauf des Reflektierenden Teams in drei Phasen
- Erfolgsfaktoren für ein wirksames Reflektierendes Team
- Typische Themen in Organisationsentwicklungsprozessen
- Einsatzmöglichkeiten des Reflektierenden Teams
- Das Reflektierende Team lernen - Weiterbildungen an der ABIS Akademie
- Über den Fachartikel und die Autorin
Für wen dieser Fachartikel relevant ist
Der Beitrag richtet sich an Menschen, die in Organisationen Veränderungsprozesse verantworten oder begleiten:
- HR- und OE-Verantwortliche
- Führungskräfte
- interne und externe Berater:innen
- Change-Manager:innen
- Moderator:innen von Strategie- und Entwicklungsprozessen
Was ist das Reflektierende Team? - Ziele und Grundidee
Das Reflektierende Team ist eine systemische Interventionsmethode, die es ermöglicht, komplexe organisationale Situationen aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten. Im Kern geht es darum,
- eingefahrene Denkmuster zu öffnen,
- neue Deutungen zu ermöglichen und
- Veränderungsideen aus dem System selbst entstehen zu lassen.
Die Methode verbindet zwei zentrale Elemente: systemische Interviews und den Dialog des Reflektierenden Teams. Gemeinsam entsteht ein Reflexionsraum, der es Beteiligten erlaubt, Abstand zur eigenen Situation zu gewinnen und neue Handlungsoptionen zu erkennen.
Der Ablauf des Reflektierenden Teams in drei Phasen
Die Arbeit mit dem Reflektierenden Team folgt einer klaren Struktur. Sie besteht aus drei aufeinander aufbauenden Phasen:
- Systemisches Interview
- Reflektierendes Team
- Austausch und Entscheidungsfindung
Diese Kombination hat sich in komplexen Change-Prozessen als außerordentlich wirksam erwiesen.
Phase 1 – Das systemische Interview
Im ersten Schritt führen Berater:innen systemische Interviews mit den Beteiligten. Dabei werden Fragen gestellt, die im Organisationsalltag häufig keinen Raum finden – Fragen, die zum Nachdenken anregen und neue Perspektiven eröffnen.
Ziel dieser Interviews ist es,
- gewohnte Situationsbeschreibungen zu hinterfragen,
- bisher unbeachtete Aspekte sichtbar zu machen und
- ein tieferes Verständnis der organisationalen Dynamiken zu entwickeln.
Typische Fragen sind zum Beispiel:
- Wie erleben Sie die aktuelle Situation?
- Was ist förderlich, was hinderlich?
- Welche Mechanismen halten das Bestehende aufrecht?
- Welche Einflüsse wirken aus Strategie, Führung oder Zusammenarbeit auf die Situation ein?
- Was wäre aus Ihrer Sicht ein erster sinnvoller Schritt?
Oft erweitern die Beteiligten allein durch diese Art des Fragens bereits deutlich ihre Sicht auf die Situation.
Phase 2 – Das Reflektierende Team
Nach den Interviews folgt das Herzstück der Methode: das Reflektierende Team.
Die Berater:innen setzen sich zusammen und tauschen sich – vor den Beteiligten – über ihre Beobachtungen, Eindrücke und Hypothesen aus. Sie
- würdigen das bisher Erreichte,
- entwickeln mögliche Deutungen,
- beschreiben Zusammenhänge und Spannungsfelder,
- nutzen Metaphern und bildhafte Sprache,
- denken laut über mögliche nächste Schritte nach.
Entscheidend dabei: Die Beteiligten hören zu. Sie nehmen die Gedanken mit innerer Distanz auf, können abwägen, zustimmen, verwerfen oder eigene Ideen entwickeln.
Diese besondere Zuhörerposition schafft einen Freiraum für neue Einsichten.
Phase 3 – Austausch und Entscheidung
Im dritten Schritt wird der Raum wieder geöffnet. Nun entscheiden die Beteiligten selbst,
- welche Gedanken sie als hilfreich erleben,
- welche Impulse sie weiterverfolgen möchten,
- welche nächsten Schritte sinnvoll erscheinen.
Die Berater:innen moderieren diesen Prozess, geben jedoch keine Lösungen vor. Die Verantwortung für Entscheidungen bleibt bewusst im System.
Typische Ergebnisse können sein:
- neue Sichtweisen auf Rollen und Strukturen,
- Klarheit über hinderliche Muster,
- konkrete Veränderungsideen,
- abgestimmte nächste Schritte.
Erfolgsfaktoren für ein wirksames Reflektierendes Team
Die Qualität der Methode hängt stark von ihrer professionellen Anwendung ab. Fünf Faktoren sind besonders entscheidend:
1. Komplexität auf eine höhere Ebene heben
Berater:innen greifen die Beschreibungen der Beteiligten auf und stellen sie in größere Zusammenhänge. Unterschiedliche Sichtweisen werden miteinander verknüpft und ergänzt.
2. Mehrperspektivität statt Überzeugungsarbeit
Im Reflektierenden Team wird keine Position als „richtig“ gesetzt. Alternative Deutungen stehen nebeneinander. Die Organisation entscheidet selbst, was für sie passt.
3. Angemessen ungewöhnliche Impulse
Das Team darf überraschen – aber dosiert. Zu viel Provokation verschließt, zu wenig bewirkt nichts. Die Kunst liegt im richtigen Maß.
4. Sprachliche Feinheit statt direkter Ratschläge
Professionelle Berater:innen arbeiten mit Möglichkeitsräumen:
- „Vielleicht wäre es denkbar…“
- „Eine mögliche Erklärung könnte sein…“
- „Sowohl – als auch…“
So entsteht Offenheit statt Widerstand.
5. Arbeiten mit Hypothesen
Das Reflektierende Team liefert keine Lösungen, sondern Denkangebote. Hypothesen helfen, das Problem aus neuen Perspektiven zu betrachten. Sie ermöglichen es, Herausforderungen anders zu deuten und eigene Lösungen zu entwickeln. Die systemische Grundannahme: Menschen in Organisationen wissen selbst am besten, was für sie funktioniert.
Typische Themen in der Organisationsentwicklung
Erfahrungsgemäß kreisen viele Change-Prozesse um wiederkehrende Fragestellungen:
- Spannungen zwischen alten und neuen Werten
- Fragen von Zugehörigkeit und Anerkennung
- das Dilemma zwischen Stabilität und Innovation
- unterschiedliche Rollenerwartungen
- unausgesprochene Konflikte
Das Reflektierende Team macht solche Dynamiken sichtbar und besprechbar.
Einsatzmöglichkeiten des Reflektierenden Teams
Die Methode lässt sich in vielen Kontexten nutzen:
In der Startphase von Change-Projekten:
- Auftragsklärungen
- Systemdiagnosen
- Rückspiegelungen nach Interviews
In strategischen Prozessen:
- Leitbild- und Strategie-Workshops
- Konzeptentwicklungen
Im laufenden Change-Projekten:
- Reviews im Kernteam
- bereichsübergreifende Workshops
- Großgruppenformate
Systemische Beratung & Organisationsberatung an der ABIS Akademie lernen
An der ABIS Akademie ist systemische Arbeit in Organisationen fester Bestandteil aller Ausbildungen:
Organisationsentwicklung erfordern das Verständnis komplexer Systeme. Kommunikationsmuster, Entscheidungswege, Teamdynamiken und Zielkonflikte prägen die Arbeit.
An den ABIS Akademien in Stuttgart und Leipzig lernen Sie die Wechselwirkungen zu verstehen und Change-Prozesse zu steuern.
Das Reflektierende Team ist ein zentrales Element systemischer Beratung und fester Bestandteil der Programme der ABIS Akademie.
Systemische Coaching-Ausbildung
Hier wird die Methode im Einzelsetting vermittelt – als „Reflecting Me“, der Variante für Einzelberater:innen und das “Reflecting Team” im Kontext von Peer-Coaching und Supervision.
Weiterbildung Systemische Beratung und Prozessbegleitung
Im Zentrum steht die Anwendung des Reflektierenden Teams in Teams, Gruppen und Organisationen.
Aufbauweiterbildung Organisationsentwicklung
Vertiefung der Methode speziell für komplexe Transformationsprozesse und Großgruppenformate.
Alle Programme sind:
- SG-zertifiziert
- berufsbegleitend
- praxisnah
- mit starkem Business-Fokus
Über den Fachartikel
Wissenschaftliche Grundlage
Dieser Praxisleitfaden basiert auf dem Fachartikel „Im Dialog ungewöhnliche Impulse setzen" von Dr. Gundula Ganter, erschienen in changement! 03/2022 (Junfermann Verlag, S. 10-13).
Der Artikel wurde für die ABIS Akademie aufbereitet und um praktische Anwendungshinweise für Change-Expert:innen ergänzt.
Quellenangabe:
Ganter, G. (2022). Im Dialog ungewöhnliche Impulse setzen. changement!, 03, 10-13.
Einflüsse und Inspirationen
Das Reflektierende Teams basiert auf den Arbeiten von Tom Andersen (Reflecting Team), Gianfranco Cecchin (Respektlosigkeit) sowie den Lehrmeister:innen Dr. Ulrike Jänicke, Thomas Keller, Roswitha Schug und Arist von Schlippe.
30 Jahre Praxiserfahrung
Die hier beschriebenen Methoden wurden über 30 Jahre am ABIS (Institut / Akademie / Consulting) erprobt und verfeinert. Sie sind das Ergebnis der Arbeit in vielfältigen Change-Projekten in Teams und Organisationen aller Branchen und Institutionen.
Die Autorin

Gundula Ganter
Dipl. Psychologin
Systemische Beraterin (SG), Lehrtrainerin Systemisches Coaching, Beratung, Organisationsentwicklung & Mediation (SG) | Geschäftsführerin ABIS Stuttgart GmbH | ABIS Ausbildungsleiterin
Dr. Gundula Ganter ist seit über 10 Jahren als systemische Organisationsentwicklerin, Coach und Lehrtrainerin tätig. Sie begleitet Organisationen durch komplexe Transformationen und entwickelt dabei die Menschen, die den Wandel tragen.
LinkedIn: Gundula Ganter
Instagram: gundula.ganter
FAQ
Was ist das Reflektierende Team?
Das Reflektierende Team ist eine von Tom Andersen entwickelte systemische Methode. Berater:innen reflektieren vor den Klient:innen über das Gehörte, teilen Hypothesen, würdigen das Erreichte und bieten Lösungsideen an. Die Klient:innen hören zu und wählen aus, was für sie passt. In Change-Prozessen ermöglicht diese Methode neue Perspektiven auf festgefahrene Situationen.
Wann macht der Einsatz des Reflektierenden Teams in Change-Projekten Sinn?
Das Reflektierende Team ist besonders wirksam bei: Systemdiagnosen zu Projektbeginn, verfahrenen Situationen im Change, bereichsübergreifenden Workshops, Strategieklausuren, Reviews im Kernteam und Großgruppenveranstaltungen. Immer dann, wenn neue Perspektiven gebraucht werden und die Organisation eigene Lösungen entwickeln soll.
Wie viele Berater:innen braucht es für ein Reflektierendes Team?
Idealerweise arbeiten zwei Berater:innen zusammen, die im Dialog verschiedene Perspektiven einbringen können. Bei Einzelberater:innen gibt es die Variante „Reflecting Me" – ein strukturiertes Selbstgespräch, bei dem die Impulse auch am Flipchart visualisiert werden können.
Was unterscheidet das Reflektierende Team von klassischem Berater-Feedback?
Im Reflektierenden Team sprechen die Berater:innen nicht direkt zu den Klient:innen, sondern miteinander vor den Klient:innen. Es werden keine direkten Ratschläge gegeben, sondern Hypothesen im Konjunktiv formuliert. Die Klient:innen können mit Abstand zuhören und selbst entscheiden, was relevant ist. Das wahrt ihre Integrität und fördert Eigenverantwortung.
Welche Rolle spielen systemische Interviews vor dem Reflektierenden Team?
Systemische Interviews sind die Grundlage für ein gelungenes Reflektierendes Team. Die Berater:innen stellen Fragen, die neue Perspektiven eröffnen und das System erkunden. Erst durch das vertiefte Verstehen im Interview können im Reflektierenden Team relevante Hypothesen und ungewöhnliche Impulse entwickelt werden.
Was sind wichtige Grundregeln des Reflektierenden Teams?
Art und Weise:
- Sei im guten Dialog mit deinem Beraterkollegen bzw. deiner Beraterkollegin, vermeide Blickkontakt zu den Klient:innen
- Sprich in der 3. Person über das Klientensystem
- Formuliere Gedanken im Konjunktiv („Es könnte sein", „mich beschäftigt …", „möglicherweise …")
- Sei angemessen ungewöhnlich
- Halte dich kurz, bleibe vage, sei neutral
Inhalte:
- Beginne mit Komplimenten für das Klientensystem
- Würdige das Gelingende / die Komplexität
- Zeige Dichotomien / Wechselwirkungen auf
- Finde auch Hypothesen über „Ungesagtes" oder über „das, worüber nicht gesprochen wird"
- Verwende kraftvolle Metaphern und Bilder
- Generiere unterschiedliche Ideen („dies oder jenes", „so oder") und lade zum Experimentieren ein für einen Schritt in die richtige Richtung
Was sind typische Fehler beim Reflektierenden Team?
Typische Fehler sind: Zu direktive Ratschläge statt Hypothesen, fehlende Würdigung des Erreichten, zu starke Positionierung statt Vielfalt an Perspektiven, zu akademische statt bildhafte Sprache, Blickkontakt zu Klient:innen statt Dialog im Beraterteam. Die feine Sprache und das Prinzip „angemessen ungewöhnlich" erfordern Übung.
Wie lernt man das Reflektierende Team professionell anzuwenden?
Das Reflektierende Team wird am besten in systemischen Weiterbildungen gelernt, wo es intensiv geübt und supervisorisch begleitet wird. An der ABIS Akademie ist es zentraler Bestandteil der Systemischen Beratungsausbildung und der OE-Weiterbildung. Es braucht Übung in systemischer Fragetechnik, Hypothesenbildung und feiner Sprache.
Kann das Reflektierende Team auch in virtuellen Change-Prozessen eingesetzt werden?
Ja, das Reflektierende Team funktioniert auch virtuell sehr gut. Die Grundprinzipien bleiben gleich: Die Berater:innen schalten ihre Kameras aus oder wenden sich ab, sprechen miteinander und die Teilnehmenden hören zu. Anschließend erfolgt der Austausch. Die Methode hat sich in virtuellen Workshops bewährt.