Systemisches Change Know-how

Das Reflecting Team nach Tom Anderson

Das Reflektierende Team in Change Prozessen - Methode, Ablauf und Praxis

Organisationen stehen heute unter permanentem Veränderungsdruck. Strategien werden neu ausgerichtet, Strukturen angepasst, Teams neu formiert. Und doch geraten Change-Projekte häufig ins Stocken: Meetings drehen sich im Kreis, unterschiedliche Perspektiven verhärten sich, wirkliche Bewegung bleibt aus.

In solchen Situationen lautet die entscheidende Frage oft nicht: „Was müssen wir tun?“ sondern: „Was hält uns eigentlich davon ab, voranzukommen?“

Genau hier setzt das Reflektierende Team an – eine systemische Methode, die wir seit über 10 Jahren in der Organisationsberatung einsetzen. Sie schafft einen strukturierten Reflexionsraum, in dem Beteiligte ihre Situation aus neuen Blickwinkeln betrachten können. Statt fertige Lösungen von außen zu erhalten, entwickelt die Organisation selbst tragfähige nächste Schritte.

Dieser Fachartikel zeigt praxisnah,

  • wie das Reflektierende Team konkret funktioniert,
  • in welchen Change-Situationen es besonders wirksam ist,
  • worauf es bei der Anwendung ankommt und
  • wie Sie die Methode in Ihrer eigenen Praxis nutzen können.

Geschrieben von Dr. Gundula Ganter, Geschäftsführerin der ABIS Akademie und erfahrene Begleiterin von Transformationsprozessen (ABIS Consulting) – aus der Perspektive langjähriger Beratungspraxis.

Für wen dieser Fachartikel relevant ist

Der Beitrag richtet sich an Menschen, die in Organisationen Veränderungsprozesse verantworten oder begleiten:

  • HR- und OE-Verantwortliche
  • Führungskräfte
  • interne und externe Berater:innen
  • Change-Manager:innen
  • Moderator:innen von Strategie- und Entwicklungsprozessen

 

 

Was ist das Reflektierende Team? - Ziele und Grundidee

Das Reflektierende Team ist eine systemische Interventionsmethode, die es ermöglicht, komplexe organisationale Situationen aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten. Im Kern geht es darum,

  • eingefahrene Denkmuster zu öffnen,
  • neue Deutungen zu ermöglichen und
  • Veränderungsideen aus dem System selbst entstehen zu lassen.

Die Methode verbindet zwei zentrale Elemente: systemische Interviews und den Dialog des Reflektierenden Teams. Gemeinsam entsteht ein Reflexionsraum, der es Beteiligten erlaubt, Abstand zur eigenen Situation zu gewinnen und neue Handlungsoptionen zu erkennen.

 

 

Der Ablauf des Reflektierenden Teams in drei Phasen

Die Arbeit mit dem Reflektierenden Team folgt einer klaren Struktur. Sie besteht aus drei aufeinander aufbauenden Phasen:

  1. Systemisches Interview
  2. Reflektierendes Team
  3. Austausch und Entscheidungsfindung

Diese Kombination hat sich in komplexen Change-Prozessen als außerordentlich wirksam erwiesen.

 

Phase 1 – Das systemische Interview

Im ersten Schritt führen Berater:innen systemische Interviews mit den Beteiligten. Dabei werden Fragen gestellt, die im Organisationsalltag häufig keinen Raum finden – Fragen, die zum Nachdenken anregen und neue Perspektiven eröffnen.

Ziel dieser Interviews ist es,

  • gewohnte Situationsbeschreibungen zu hinterfragen,
  • bisher unbeachtete Aspekte sichtbar zu machen und
  • ein tieferes Verständnis der organisationalen Dynamiken zu entwickeln.

Typische Fragen sind zum Beispiel:

  • Wie erleben Sie die aktuelle Situation?
  • Was ist förderlich, was hinderlich?
  • Welche Mechanismen halten das Bestehende aufrecht?
  • Welche Einflüsse wirken aus Strategie, Führung oder Zusammenarbeit auf die Situation ein?
  • Was wäre aus Ihrer Sicht ein erster sinnvoller Schritt?

Oft erweitern die Beteiligten allein durch diese Art des Fragens bereits deutlich ihre Sicht auf die Situation.

 

Phase 2 – Das Reflektierende Team

Nach den Interviews folgt das Herzstück der Methode: das Reflektierende Team.

Die Berater:innen setzen sich zusammen und tauschen sich – vor den Beteiligten – über ihre Beobachtungen, Eindrücke und Hypothesen aus. Sie

  • würdigen das bisher Erreichte,
  • entwickeln mögliche Deutungen,
  • beschreiben Zusammenhänge und Spannungsfelder,
  • nutzen Metaphern und bildhafte Sprache,
  • denken laut über mögliche nächste Schritte nach.

Entscheidend dabei: Die Beteiligten hören zu. Sie nehmen die Gedanken mit innerer Distanz auf, können abwägen, zustimmen, verwerfen oder eigene Ideen entwickeln.

Diese besondere Zuhörerposition schafft einen Freiraum für neue Einsichten.

 

Phase 3 – Austausch und Entscheidung

Im dritten Schritt wird der Raum wieder geöffnet. Nun entscheiden die Beteiligten selbst,

  • welche Gedanken sie als hilfreich erleben,
  • welche Impulse sie weiterverfolgen möchten,
  • welche nächsten Schritte sinnvoll erscheinen.

Die Berater:innen moderieren diesen Prozess, geben jedoch keine Lösungen vor. Die Verantwortung für Entscheidungen bleibt bewusst im System.

Typische Ergebnisse können sein:

  • neue Sichtweisen auf Rollen und Strukturen,
  • Klarheit über hinderliche Muster,
  • konkrete Veränderungsideen,
  • abgestimmte nächste Schritte.

 

 

Erfolgsfaktoren für ein wirksames Reflektierendes Team

Die Qualität der Methode hängt stark von ihrer professionellen Anwendung ab. Fünf Faktoren sind besonders entscheidend:

1. Komplexität auf eine höhere Ebene heben

Berater:innen greifen die Beschreibungen der Beteiligten auf und stellen sie in größere Zusammenhänge. Unterschiedliche Sichtweisen werden miteinander verknüpft und ergänzt.

 

2. Mehrperspektivität statt Überzeugungsarbeit

Im Reflektierenden Team wird keine Position als „richtig“ gesetzt. Alternative Deutungen stehen nebeneinander. Die Organisation entscheidet selbst, was für sie passt.

 

3. Angemessen ungewöhnliche Impulse

Das Team darf überraschen – aber dosiert. Zu viel Provokation verschließt, zu wenig bewirkt nichts. Die Kunst liegt im richtigen Maß.

 

4. Sprachliche Feinheit statt direkter Ratschläge

Professionelle Berater:innen arbeiten mit Möglichkeitsräumen:

  • „Vielleicht wäre es denkbar…“
  • „Eine mögliche Erklärung könnte sein…“
  • „Sowohl – als auch…“

So entsteht Offenheit statt Widerstand.

 

5. Arbeiten mit Hypothesen

Das Reflektierende Team liefert keine Lösungen, sondern Denkangebote. Hypothesen helfen, das Problem aus neuen Perspektiven zu betrachten. Sie ermöglichen es, Herausforderungen anders zu deuten und eigene Lösungen zu entwickeln. Die systemische Grundannahme: Menschen in Organisationen wissen selbst am besten, was für sie funktioniert.

 

Typische Themen in der Organisationsentwicklung

Erfahrungsgemäß kreisen viele Change-Prozesse um wiederkehrende Fragestellungen:

  • Spannungen zwischen alten und neuen Werten
  • Fragen von Zugehörigkeit und Anerkennung
  • das Dilemma zwischen Stabilität und Innovation
  • unterschiedliche Rollenerwartungen
  • unausgesprochene Konflikte

Das Reflektierende Team macht solche Dynamiken sichtbar und besprechbar.

 

 

Einsatzmöglichkeiten des Reflektierenden Teams

Die Methode lässt sich in vielen Kontexten nutzen:

In der Startphase von Change-Projekten:

  • Auftragsklärungen
  • Systemdiagnosen
  • Rückspiegelungen nach Interviews

In strategischen Prozessen:

  • Leitbild- und Strategie-Workshops
  • Konzeptentwicklungen

Im laufenden Change-Projekten:

  • Reviews im Kernteam
  • bereichsübergreifende Workshops
  • Großgruppenformate

 

 

Systemische Beratung & Organisationsberatung an der ABIS Akademie lernen

An der ABIS Akademie ist systemische Arbeit in Organisationen fester Bestandteil aller Ausbildungen:

Organisationsentwicklung erfordern das Verständnis komplexer Systeme. Kommunikationsmuster, Entscheidungswege, Teamdynamiken und Zielkonflikte prägen die Arbeit. 

An den ABIS Akademien in Stuttgart und Leipzig lernen Sie die Wechselwirkungen zu verstehen und Change-Prozesse zu steuern.

Das Reflektierende Team ist ein zentrales Element systemischer Beratung und fester Bestandteil der Programme der ABIS Akademie.

Systemische Coaching-Ausbildung

Hier wird die Methode im Einzelsetting vermittelt – als „Reflecting Me“, der Variante für Einzelberater:innen und das “Reflecting Team” im Kontext von Peer-Coaching und Supervision.

Weiterbildung Systemische Beratung und Prozessbegleitung

Im Zentrum steht die Anwendung des Reflektierenden Teams in Teams, Gruppen und Organisationen.

Aufbauweiterbildung Organisationsentwicklung

Vertiefung der Methode speziell für komplexe Transformationsprozesse und Großgruppenformate.

Alle Programme sind:

  • SG-zertifiziert
  • berufsbegleitend
  • praxisnah
  • mit starkem Business-Fokus

Über den Fachartikel

Wissenschaftliche Grundlage

Dieser Praxisleitfaden basiert auf dem Fachartikel „Im Dialog ungewöhnliche Impulse setzen" von Dr. Gundula Ganter, erschienen in changement! 03/2022 (Junfermann Verlag, S. 10-13).

Der Artikel wurde für die ABIS Akademie aufbereitet und um praktische Anwendungshinweise für Change-Expert:innen ergänzt.

Quellenangabe:
Ganter, G. (2022). Im Dialog ungewöhnliche Impulse setzen. changement!, 03, 10-13.

Einflüsse und Inspirationen

Das Reflektierende Teams basiert auf den Arbeiten von Tom Andersen (Reflecting Team), Gianfranco Cecchin (Respektlosigkeit) sowie den Lehrmeister:innen Dr. Ulrike Jänicke, Thomas Keller, Roswitha Schug und Arist von Schlippe.

30 Jahre Praxiserfahrung

Die hier beschriebenen Methoden wurden über 30 Jahre am ABIS (Institut / Akademie / Consulting) erprobt und verfeinert. Sie sind das Ergebnis der Arbeit in vielfältigen Change-Projekten in Teams und Organisationen aller Branchen und Institutionen.